Innovative Konfliktlösung durch Mediation, so genannte
Soft Skills
Wirtschaftsmediation
ist in den USA und vielen europäischen Ländern eine bewährte Konfliktlösungsmethode
zur außergerichtlichen Streitbeilegung. In Deutschland stehen wir erst
am Anfang einer sicherlich dynamischen Entwicklung, die die Unternehmer
immer seltener vor Gericht klagen, sondern den eleganteren und effektiveren
Weg der Mediation beschreiten lässt.
Am besten
kann man den Unterschied zwischen dem traditionellen Gerichtsverfahren
und dem Mediationsverfahren als eine Methode zur außergerichtlichen Streitbeilegung
anhand eines Beispiels erläutern, das sich so oder in ähnlicher Form im
täglichen Wirtschaftsleben abspielen kann.
Zwei Unternehmer vereinbaren die Lieferung eines Computer-Modells "180",
Wert 0,5 Mio EUR. Zum vereinbarten Termin kann Unternehmer L wegen Produktionsengpässen
nicht liefern. Zum Ausgleich liefert er Unternehmer B ein doppelt so leistungsfähiges
Modell "360", Wert 1,5 Mio EUR.
Modell "360" soll alsbald gegen ein "180er" ausgetauscht
werden. 4 Monate später ist die "180" verfügbar, inzwischen ist
die Computerleistung von B gestiegen. Ein Modell "270" wäre nunmehr
die richtige Anlage, die jedoch wäre erst in 6 - 8 Monaten lieferbar. So
lange will B den "360" nutzen und den Vertrag von "180"
auf "270" umschreiben. Der "360er" ist jedoch einem
anderen Unternehmer fest zugesagt. L muss die "360" abholen und
will die "180" installieren, die B nur noch eingeschränkt gebrauchen
kann. Er fühlt sich überdies schlecht beraten und will ggf. vom Vertrag
zurücktreten und für den sich daraus ergebenden Ausfallschaden Schadensersatz
verlangen.
So weit
dieser Fall. Es liegt auf der Hand, dass eine langwierige gerichtliche
Auseinandersetzung für die beteiligten Unternehmer keine Alternative für
die Lösung ihrer dringenden Probleme darstellen kann. Im Gerichtsverfahren
würden langfristige Verhandlungen und viele Schriftsätze der Anwälte gewechselt,
schließlich würde möglicherweise L verurteilt, Modell "180" zu
liefern und/oder Schadensersatz zu zahlen und B würde damit zur Abnahme
des "180er" gezwungen, den er eigentlich nicht mehr gebrauchen
kann. Bis zu einer rechtskräftigen gerichtlichen Entscheidung hätte B möglicherweise
kein funktionierendes Computersystem, ob ein eventueller Schadensersatz
den Schaden tatsächlich kompensiert und ob L dann überhaupt noch in der
Lage wäre, den Schadensersatz zu zahlen, steht in den Sternen.
In einem
Mediationsverfahren haben sich L und B unter Berücksichtigung ihrer wechselseitigen
Interessen einer zügigen und effizienten Lösung zugewandt und sich darauf
geeinigt, dass er weiterhin mit dem Modell "180" arbeitet und
vorübergehend bis zur Lieferung des "270" einen Teil seiner Rechenarbeiten
mit Hilfe von L auslagert.
Damit hat B kurzfristig eine - wenn auch nicht ideale - Lösung für sich
gefunden und den Produktionsverlauf sichergestellt und wird in Kürze eine
für ihn maßgeschneiderte Anlage erhalten.
L verkauft ein höherwertiges Modell und - was ganz wesentlich ist - er
behält einen zufriedenen Kunden, mit dem er zukünftig weiter zusammenarbeitet.
Statt jahrelang zu prozessieren, haben die Kaufleute in der Mediation ihre
Probleme selbst in den Griff bekommen. Begleitet von Mediatoren, die für
Streitkultur und eine sinnvolle Verhandlungsorganisation sorgten und damit
ein für beide Seiten vorteilhaftes Ergebnis mit positiver Auswirkung für
die Zukunft erzielten.
Viele Konflikte
im Wirtschaftsleben werden - wie oben dargelegt - von einer unternehmerischen
Zielsetzung bestimmt, die im Gerichtsverfahren keine Beachtung findet,
ja sogar in der mündlichen Verhandlung bei einem entsprechenden Vortrag
der Parteien als störend empfunden wird.
Um diesen Missstand abzuschaffen, gehen immer mehr Unternehmen dazu über,
ihre Streitigkeiten auf dem Wege der Mediation zu regeln. Teilweise wird
sogar die Mediation aufgrund gesetzlicher Vorschriften zwangsweise vom
Gericht als sinnvolles Vorverfahren angeordnet.
Was
ist Mediation konkret?
Die Mediation
ist ein außergerichtliches Konfliktlösungsverfahren, bei dem der so genannte
Mediator die Verhandlungen der Konfliktparteien (= Medianten) lediglich
moderiert und unterstützt. Er ist also weder Richter noch Schiedsrichter.
Gerade die Wirtschaftsmediation geht von dem Gedanken aus, dass die sich
streitenden Parteien, meist Kaufleute, die fachliche und auch persönliche
Kompetenz haben, ihre Konflikte selbst zu lösen. Das heißt, die Entscheidungsgewalt
über den Konflikt bleibt allein bei den Parteien, die eigenverantwortlich
und selbstbestimmt versuchen, eine interessengerechte Lösung zu finden,
die oft - wie die Praxis zeigt - sogar in eine "Win-Win-Situation"
mündet. Dies bedeutet, dass beide Parteien aus der gefundenen Lösung einen
Vorteil oder Gewinn ziehen können und eine gemeinsame geschäftliche Zukunft
nicht verbaut wird.
Die Rolle
des Mediators, der über eine entsprechende Ausbildung und Erfahrung verfügen
muss, besteht vor allem darin, die Parteien bei der Definition ihrer Interessen,
der Entwicklung von gemeinsamen Problemlösungen und der Bewertung von Lösungsalternativen
zu unterstützen und den Verhandlungsprozess zu steuern, d. h. eine Streitkultur
zu etablieren.
Die Mediation endet mit einer rechtsverbindlichen schriftlichen Vereinbarung,
die von allen Konfliktparteien unterzeichnet wird.
Vorteile
der Wirtschaftsmediation im Einzelnen:
Kostenreduzierung
Weltweite Untersuchungen haben ergeben, dass bei einem Mediationsverfahren
in 70 bis 90 Prozent der Fälle eine Einigung zustande kommt. Faustregel:
je höher der Streitwert, desto größer die Kostenersparnis.
Kostentransparenz
In Mediationsverfahren erfolgt regelmäßig eine Aufteilung der Kosten gleichmäßig
zwischen den Parteien; vor Gericht ist das Kostenrisiko nicht eindeutig
kalkulierbar.
Zeitersparnis
Eine Mediation dauert im Regelfall nur durchschnittlich 3 - 6 Sitzungen,
mit jeweils ca. 3 Stunden; die Sitzungstermine werden von den Konfliktparteien
selbst bestimmt und können so schnell aufeinander folgen.
Planungssicherheit
So lange ein Rechtsstreit geführt wird, ist der Ausgang ungewiss. In der
Mediation erreichen sie in sehr vielen Fällen alsbald eine verbindliche
Lösung.
Schonung von Ressourcen
Lang andauernde Prozesse beschäftigen nicht nur die Anwälte, sondern auch
Geschäftsleitungen, Mitarbeiter, oft ganze Abteilungen von Unternehmen,
die die Anwälte unterstützen, um einen erfolgreichen Prozessausgang herbeizuführen.
Schonung von Geschäftsbeziehungen
Sie behalten ihre Kunden und Lieferanten; entgegen der mit einem Gerichtsprozess
einhergehenden Beendigung einer Geschäftsbeziehung bleibt bei der Mediation
die Geschäftsbeziehung bestehen und wird zum Teil sogar gefestigt; dies
ist auch Ziel der Mediation.
Wahrung von Vertraulichkeit
Gerichtsverfahren sind öffentlich und in der Presse können die Unternehmer
dann die Boshaftigkeiten der Parteien verfolgen. Die Mediation hingegen
ist nicht öffentlich; der Konfliktfall und das Ergebnis bleiben vertraulich.
Der spezifische Vorteil der Mediation, durchgeführt von mediationserfahrenen
Rechtsanwälten/innen besteht darin, dass durch Berufsrecht die Vertraulichkeit
und Unabhängigkeit des Verfahrens gewahrt ist. Dies ist auch eine zentrale
Voraussetzung für eine faire und korrekte Abwicklung des Konfliktes.
Fazit:
Natürlich sind nicht alle Konflikte durch Mediation zu lösen. In juristischen
Grundsatzfragen, bei gerichtlichen Eilmaßnahmen (einstweilige Verfügung)
zur Vermeidung von Vermögensverschiebungen, bei Wettbewerbsverstößen und
in vielen Fällen der Machtungleichheit kann die juristische Methode das
einzig richtige Mittel sein.
Jedoch
ist der überwiegende Teil der Rechtsstreitigkeiten durchaus geeignet für
die Mediation, und die Parteien können damit kostengünstig, nicht öffentlich,
zügig und eigenverantwortlich eine Lösung selbst herbeiführen.
Mit der Mediation entwickelt sich eine Streitkultur im Wirtschaftsleben,
mit der die Beteiligten in die Lage versetzt werden, ihr vorhandenes Konfliktlösungspotenzial
kreativ zu nutzen, um für die Zukunft eine für beide Seiten positive Lösung
zu finden, wie der eingangs vorgestellte Fall gezeigt hat.
Wolfgang
P. Lange, Dortmund
Laden Sie den Text als PDF-Datei >>>